Schichtübergabe in der Wohngruppe: Struktur, Beispiel, Vorlage
Um 13:45 Uhr kommt der Spätdienst, um 14:00 Uhr geht der Frühdienst – dazwischen liegt die Übergabe in der Wohngruppe. In diesen fünfzehn Minuten entscheidet sich, ob die nächste Schicht weiß, dass Lea heute einen schweren Termin beim Jugendamt hatte, dass Ben sein Antibiotikum um 18 Uhr braucht und dass die Mutter von Mia vielleicht unangemeldet vorbeikommt. Dieser Artikel zeigt eine Struktur in sieben Punkten, wie mündliche und schriftliche Übergabe zusammenspielen, ein fiktives Beispiel und eine Vorlage zum Ausdrucken.
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Warum Übergaben scheitern
Gesetzlich ist die Schichtübergabe nicht geregelt. Sie folgt aus der Verantwortung der Einrichtung, das Wohl der Kinder rund um die Uhr zu gewährleisten – Grundlage der Hilfe nach § 34 SGB VIII und der Betriebserlaubnis nach § 45 SGB VIII. Wenn Informationen zwischen den Schichten verloren gehen, sind die Folgen konkret: eine vergessene Medikamentengabe, eine nicht eingehaltene Kontaktsperre, ein Kind, das sich nicht ernst genommen fühlt, weil es dieselbe Geschichte zum dritten Mal erzählen muss.
Die häufigsten Ursachen sind banal: Die Übergabe findet zwischen Tür und Angel statt, weil die Kinder gerade aus der Schule kommen. Es wird erzählt statt sortiert, und das Wichtigste geht zwischen Anekdoten unter. Was mündlich gesagt wurde, steht nirgends – und erreicht die Nachtbereitschaft, die erst um 21 Uhr kommt, nicht mehr. Oder umgekehrt: Alles steht im Gruppenbuch, aber niemand hat Zeit, es zu lesen.
Die 7-Punkte-Struktur für die Übergabe
Eine feste Reihenfolge macht Übergaben kürzer und vollständiger. Jeder weiß, was kommt, und fehlende Punkte fallen auf. Die folgende Struktur hat sich für Regelgruppen mit sechs bis neun Plätzen bewährt; passen Sie sie an Ihre Gruppe an.
- Kinder einzeln, kurz: Für jedes Kind ein bis zwei Sätze – Befinden, Besonderes, was die nächste Schicht beachten muss. Wer nichts Besonderes hat, bekommt ein „ohne Besonderheiten“.
- Gruppensituation: Stimmung, Konflikte, Absprachen, die für alle gelten.
- Termine: was in der nächsten Schicht ansteht und wer begleitet; was abgesagt oder verschoben wurde.
- Medikation: was gegeben wurde, was in der nächsten Schicht fällig ist, Änderungen und Bedarfsmedikation.
- Aufgaben: was offen ist und wer es übernimmt – Einkäufe, Wäsche, Anrufe, Formulare.
- Kontakte zu Eltern, Jugendamt, Schule: wer angerufen hat, was zugesagt wurde, wer zurückruft.
- Kinderschutz und Meldungen: besondere Vorkommnisse, ob die Leitung informiert ist, ob eine Meldung offen ist.
Mündlich und schriftlich kombinieren
Die mündliche Übergabe hat Stärken, die kein Text ersetzt: Rückfragen, Tonfall, das gemeinsame Abwägen einer schwierigen Situation. Die schriftliche Übergabe hat andere: Sie erreicht auch die, die nicht dabei waren, sie ist später nachlesbar und sie zwingt zum Sortieren. Die beste Lösung ist deshalb nicht entweder-oder, sondern eine klare Arbeitsteilung.
Schriftlich gehört alles hinein, was verbindlich ist oder später nachvollziehbar sein muss: Termine, Medikation, Absprachen, Aufgaben, Vorkommnisse. Mündlich wird ergänzt, eingeordnet und nachgefragt. Die Grundlage der schriftlichen Übergabe ist das Gruppenbuch – wer es sauber führt, muss für die Übergabe nicht neu schreiben, sondern nur das Wichtigste markieren. Wie das geht, steht im Leitfaden Gruppenbuch führen.
Zum Abschluss bestätigt die übernehmende Fachkraft, dass sie die Übergabe erhalten hat – auf Papier mit Kürzel und Uhrzeit, digital mit einer Lesebestätigung. Damit ist klar, ab wann wer die Verantwortung trägt.
Beispiel einer Übergabe (fiktiv)
Wohngruppe mit sieben Plätzen, Übergabe Frühdienst an Spätdienst, 13:45 Uhr. Alle Namen und Details sind erfunden. Achten Sie darauf, wie knapp die einzelnen Punkte sind und dass Beobachtungen statt Urteilen weitergegeben werden.
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Kinder | Lea: Termin beim Jugendamt war belastend, möchte heute in Ruhe gelassen werden, Angebot zum Gespräch steht. Ben: Ohrenschmerzen, war beim Kinderarzt, Antibiotikum laut Verordnung. Übrige ohne Besonderheiten. |
| Gruppe | Streit um die Spielkonsole beim Mittagessen, geklärt: Plan für die Woche hängt aus. |
| Termine | 16:00 Fußballtraining Tom, Fahrt durch Spätdienst. Elterngespräch Mia morgen 10:00 verschoben auf Freitag. |
| Medikation | Ben: Antibiotikum 18:00 fällig. Bedarfsmedikation heute nicht gegeben. |
| Aufgaben | Einkauf für das Wochenende offen. Schulanmeldung von Noah: Unterlagen liegen im Büro, Rückruf der Schule bis Donnerstag. |
| Kontakte | Mutter von Mia hat angerufen, möchte heute vorbeikommen; laut Absprache mit dem Jugendamt nur begleitet – bitte Leitung vorher informieren. |
| Kinderschutz/Meldungen | Keine neuen Vorkommnisse. Meldung vom Montag (Sachschaden Kellertür) ist versendet, Rückmeldung der Aufsicht steht aus. |
Formulierungen: konkret statt pauschal
In der Übergabe entsteht schnell eine Kurzsprache, die für das Team selbstverständlich klingt, für eine Springerin aber nichts aussagt – oder ein Kind dauerhaft festlegt. Wer schreibt „Lea war heute schwierig“, gibt keine Handlungsinformation weiter und färbt den Blick der nächsten Schicht. Hilfreicher ist, was geschehen ist und was daraus für die nächste Schicht folgt. Das macht die Übergabe nicht länger, sondern brauchbarer.
| Statt | Besser |
|---|---|
| „Lea war heute schwierig.“ | „Lea kam nach dem Jugendamtstermin weinend zurück und wollte allein sein. Gesprächsangebot steht.“ |
| „Ben hat wieder Theater gemacht.“ | „Ben hat beim Hausaufgaben-Ende zweimal die Tür zugeschlagen; nach 10 Minuten Pause ging es weiter.“ |
| „Mutter von Mia nervt.“ | „Mutter von Mia hat dreimal angerufen und möchte heute kommen; Besuch nur begleitet laut Jugendamt.“ |
| „Alles ruhig.“ | „Alle sieben Kinder im Haus, keine Vorkommnisse, keine offenen Aufgaben.“ |
Nachtdienst und Wochenende
Die Übergabe an die Nachtbereitschaft ist die heikelste des Tages. Die Nachtbereitschaft ist oft allein im Haus, kennt nicht immer alle Kinder gleich gut und soll nur im Bedarfsfall tätig werden – sie muss also besonders genau wissen, wo Bedarf entstehen könnte: Wer ist noch nicht zurück und bis wann? Wer hatte einen schweren Tag? Welche Medikamente sind nachts oder morgens fällig? Wer ist in Rufbereitschaft der Leitung erreichbar?
Am Wochenende kommt hinzu, dass Ansprechpersonen bei Jugendamt, Schule und Arztpraxen fehlen. Halten Sie Notfallnummern, Bereitschaftsdienst des Jugendamts und die Rufbereitschaft der Leitung in der Übergabe sichtbar fest. Die Morgenübergabe der Nachtbereitschaft an den Frühdienst ist dagegen oft kurz – hier zählt vor allem, was in der Nacht passiert ist und ob etwas gemeldet werden muss. Wie Nacht- und Wochenenddienste im Dienstplan abgebildet werden, beschreibt der Artikel Dienstplan in der Wohngruppe erstellen.
Digitale Übergabe
Eine digitale Übergabe spart vor allem Doppelarbeit: Was im Gruppenbuch, im Medikationsplan und in der Abwesenheitsliste steht, muss nicht noch einmal in ein Übergabeprotokoll geschrieben werden. Die Software stellt es zusammen, die Fachkraft ergänzt und markiert. Eine Lesebestätigung zeigt der Leitung, ob die Nachtbereitschaft die Übergabe gelesen hat – und der Kollegin nach dem Urlaub, was sie seit ihrem letzten Dienst verpasst hat.
In Ormisi fasst die Übergabe Einträge im Gruppenbuch, gegebene Medikamente, Abwesenheiten und offene Absprachen zusammen. Die nächste Schicht bestätigt die Übernahme – nachvollziehbar, wer was wusste. Mehr dazu auf der Seite zur Software für stationäre Jugendhilfe.

Vorlage: Schichtübergabe in der Wohngruppe
Eine Seite je Übergabe. Kurz halten, Beobachtungen statt Urteile, Verbindliches schriftlich.
Kopf
- Gruppe: ____
- Datum, Uhrzeit: ____
- Übergibt: ____ / Übernimmt: ____
1. Kinder einzeln
- Kind 1: ____
- Kind 2: ____
- Kind 3: ____
- Kind 4: ____
- Kind 5: ____
- Kind 6: ____
- Kind 7: ____
2. Gruppensituation
- Stimmung, Konflikte, geltende Absprachen
3. Termine
- Termine der nächsten Schicht mit Begleitung
- Abgesagt / verschoben
4. Medikation
- Gegeben laut Plan (Verweis Medikationsnachweis)
- Fällig in der nächsten Schicht
- Bedarfsmedikation: Anlass und Uhrzeit
5. Aufgaben
- Offen, wer übernimmt
6. Kontakte
- Eltern, Jugendamt, Schule: wer, was, Rückruf
7. Kinderschutz und Meldungen
- Besondere Vorkommnisse? Leitung informiert?
- Offene oder versendete Meldungen
- Abwesende Kinder und vereinbarte Rückkehrzeit
Bestätigung
- Übergabe erhalten: Kürzel ____ Uhrzeit ____
Häufige Fragen
Was gehört in eine Schichtübergabe?
Alles, was die nächste Schicht für einen sicheren Dienst wissen muss: kurz jedes Kind, die Gruppensituation, Termine, Medikation, offene Aufgaben, Kontakte zu Eltern und Jugendamt sowie Vorkommnisse und Meldungen. Eine feste Reihenfolge verhindert, dass etwas fehlt.
Wie lange sollte eine Übergabe dauern?
Eine feste Regel gibt es nicht. Viele Einrichtungen planen 15 bis 30 Minuten Überschneidung der Dienste ein. Wichtiger als die Dauer ist, dass sie im Dienstplan als Arbeitszeit vorgesehen ist und nicht zwischen Tür und Angel stattfindet.
Muss die Übergabe schriftlich erfolgen?
Gesetzlich vorgeschrieben ist die Form nicht. Fachlich ist eine schriftliche Übergabe aber dringend zu empfehlen, weil sie auch Kolleginnen erreicht, die nicht dabei waren, und später nachvollziehbar macht, wer was wusste. Die mündliche Übergabe ergänzt sie.
Was tun, wenn die Übergabe ausfällt?
Etwa weil eine Krise die volle Aufmerksamkeit braucht. Dann gilt: Die schriftliche Übergabe im Gruppenbuch muss vollständig sein, und die übernehmende Fachkraft liest sie, bevor sie den Dienst übernimmt. Die mündliche Übergabe wird nachgeholt, sobald es möglich ist.
Quellen
Primärquellen, abgerufen zum Stand des Artikels. Keine Rechtsberatung.
- [1]§ 34 SGB VIII – Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform · Bundesministerium der Justiz
- [2]§ 45 SGB VIII – Erlaubnis für den Betrieb einer Einrichtung · Bundesministerium der Justiz
- [3]§ 63 SGB VIII – Datenspeicherung · Bundesministerium der Justiz
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