Abrechnung & Fachleistungsstunden
Was ist eine Fachleistungsstunde? Definition und Praxis
Was ist eine Fachleistungsstunde? Kurz: die Abrechnungseinheit, mit der Jugendämter ambulante Hilfen wie die Sozialpädagogische Familienhilfe bezahlen. Was genau in einer Stunde steckt, ist aber nicht bundesweit geregelt, sondern von Jugendamt zu Jugendamt verschieden. Dieser Beitrag erklärt den Begriff, den rechtlichen Rahmen, welche Zeiten zählen und wie sich die Fachleistungsstunde von Tagessatz und Pauschale unterscheidet – mit vier echten Modellen aus Kommunen.
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Fachleistungsstunde: Definition in zwei Sätzen
Eine Fachleistungsstunde (FLS) ist die Abrechnungseinheit, nach der ein freier Träger ambulante Hilfen zur Erziehung und verwandte Leistungen mit dem Jugendamt abrechnet – etwa Erziehungsbeistandschaft, Sozialpädagogische Familienhilfe oder ambulante Eingliederungshilfe. Ihr Preis deckt nicht nur die direkte Arbeit mit dem jungen Menschen und der Familie, sondern anteilig auch die indirekten Zeiten, ohne die diese Arbeit nicht möglich wäre: Vor- und Nachbereitung, Dokumentation, Fahrten, Team und Supervision.
Eine bundeseinheitliche Legaldefinition gibt es nicht. Das Wort Fachleistungsstunde kommt im SGB VIII nicht vor. Was eine Stunde umfasst, wie sie nachgewiesen wird und was sie kostet, vereinbaren Jugendamt und Träger – oft nach Vorgaben des Landes oder einer kommunalen Entgeltkommission.
Rechtlicher Rahmen: § 77 SGB VIII und die örtlichen Vereinbarungen
Grundlage für ambulante Leistungen freier Träger ist § 77 Abs. 1 SGB VIII. Danach sind Vereinbarungen „über die Höhe der Kosten der Inanspruchnahme sowie über Inhalt, Umfang und Qualität der Leistung“ zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe „anzustreben“. Der Satz „Das Nähere regelt das Landesrecht“ erklärt, warum sich die Modelle je Land und Kommune unterscheiden. Die Fachleistungsstunde ist das in diesen Vereinbarungen am weitesten verbreitete Abrechnungsmodell.
Für stationäre und teilstationäre Angebote gelten dagegen die §§ 78a bis 78g SGB VIII mit Leistungs-, Entgelt- und Qualitätsentwicklungsvereinbarung. Dort wird in der Regel nicht nach Stunden, sondern nach Tagen abgerechnet. Eine Besonderheit ist die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung nach § 35 SGB VIII: Sie fällt unter § 78a, „sofern sie außerhalb der eigenen Familie erfolgt“ – ambulant erbracht wird sie meist nach Fachleistungsstunden abgerechnet. Landesrecht kann die §§ 78b bis 78g zudem auf weitere Leistungen erstrecken (§ 78a Abs. 2).
Wie viele Stunden eine Familie bekommt, entscheidet das Jugendamt im Einzelfall: Der Bedarf wird im Hilfeplan festgehalten, die Bewilligung kommt als Kostenzusage mit einem Stundenkontingent je Woche oder Monat. Abrechenbar sind nur Stunden, die durch eine gültige Kostenzusage gedeckt sind.
Direkt, indirekt, Fahrzeit – was zählt als Fachleistungsstunde?
Die Kernfrage jeder Vereinbarung lautet: Welche Minuten darf der Träger als Fachleistungsstunde aufschreiben? In der Praxis gibt es zwei Grundmodelle mit vielen Mischformen.
| Jugendamt / Dokument | Was abgerechnet wird | Was eingepreist ist |
|---|---|---|
| Rhein-Sieg-Kreis, Merkblatt Fachleistungsstundenmodell | Nur persönliche Kontakte (Face-to-Face); Telefonate über 10 Minuten ab der 11. Minute; bis zu 3 Fehlbesuche je Quartal | Minderzeiten und Mobilitätszeiten mit insgesamt 27–30 % bei Fachkräften von Trägern |
| Stadt Leipzig, Entgeltkommission, Beschluss 01/2019 (Divisor 2021) | Eine Stunde mit dem Klienten umfasst 60 bis wenigstens 52 Minuten | Verbleibende Minuten nur für Fahrt- und Wegezeiten; Team, Vor- und Nachbereitung, Dokumentation als Minderzeit im Divisor |
| Landeshauptstadt Dresden, Anlagen Handlungsleitfaden FLS (2024) | Abgerechnet wird die Kontaktzeit von 60 Minuten | Die Vergütung umfasst zusätzlich 25 Minuten fallspezifische und 15 Minuten fallunspezifische Tätigkeiten |
| Landkreis Alzey-Worms, Leitlinien Entgeltvereinbarung FLS (2011) | Tatsächlich geleistete unmittelbare und mittelbare einzelfallbezogene Stunden, ohne Auf- oder Abrundung | Mittelbar zählen u. a. Vor- und Nachbereitung, Dokumentation, Fahrt- und Wegezeiten |
Modell 1: Abgerechnet wird nur die direkte Zeit
Abrechenbar ist nur die Zeit im unmittelbaren Kontakt (Face-to-Face), manchmal ergänzt um längere Telefonate oder Hilfeplangespräche. Indirekte Zeiten sind über einen höheren Stundensatz eingepreist. Vorteil: einfacher Nachweis. Risiko: Steigt der indirekte Aufwand – etwa in Krisen –, trägt ihn der Träger.
Modell 2: Direkte und indirekte Zeit werden nachgewiesen
Neben dem Kontakt sind fallbezogene Tätigkeiten ohne die Familie abrechenbar: Gespräche mit Schule oder Kita, Berichte, Fallbesprechungen, oft auch Fahrzeit. Der Stundensatz ist niedriger, der Nachweis aufwendiger. Fallübergreifende Zeiten wie Teamsitzungen ohne Fallbezug stecken auch hier im Satz.
Beispiel: dieselbe Woche in zwei Modellen
Wie stark das Modell die abrechenbare Zeit verändert, zeigt eine fiktive Arbeitswoche in einer Sozialpädagogischen Familienhilfe mit einem bewilligten Kontingent von 6 Fachleistungsstunden je Woche. Alle Werte sind angenommen; Modell 1 orientiert sich an einer reinen Face-to-Face-Regel mit Telefonaten ab der 11. Minute, Modell 2 an einer Regel, die fallbezogene indirekte Zeiten und Fahrten einschließt.
| Tätigkeit | Minuten | Modell 1: nur direkt | Modell 2: direkt und indirekt |
|---|---|---|---|
| Hausbesuch mit Mutter und Kindern | 120 | 120 | 120 |
| Begleitung zur Kinderärztin | 90 | 90 | 90 |
| Telefonat mit der Mutter | 15 | 5 (ab der 11. Minute) | 15 |
| Gespräch mit der Kita ohne Familie | 45 | – | 45 |
| Fahrten zu beiden Terminen | 60 | – | 60 |
| Dokumentation und Vorbereitung | 40 | – | 40 |
| Summe abrechenbar | 370 | 215 Min. = 3,58 FLS | 370 Min. = 6,17 FLS |
Was das Beispiel zeigt
Im ersten Modell rechnet der Träger nur gut die Hälfte der Arbeitszeit ab – dafür muss der Stundensatz deutlich höher sein, sonst ist die Hilfe nicht kostendeckend. Im zweiten Modell ist der Satz niedriger, dafür überschreitet die Woche das Kontingent um 0,17 Stunden. Diese Minuten sind ohne Zustimmung des Jugendamts in der Regel nicht abrechenbar. Für die Fachkraft heißt das: Sie muss das Modell ihres Jugendamts kennen, um ihre Zeit richtig zu erfassen, und die Leitung muss sehen, wann ein Kontingent knapp wird.
Wer darf Fachleistungsstunden erbringen?
Fachleistungsstunden heißen so, weil sie von Fachkräften erbracht werden. Das Fachkräftegebot des § 72 SGB VIII richtet sich unmittelbar an die öffentlichen Träger. Für freie Träger wird es über die Leistungsvereinbarungen wirksam: Sie legen fest, welche Qualifikation die eingesetzten Personen haben müssen – meist ein Abschluss in Sozialer Arbeit, Sozialpädagogik oder einem vergleichbaren Fach, für bestimmte Hilfen auch Zusatzqualifikationen.
Setzt ein Träger Personen ohne die vereinbarte Qualifikation ein, etwa Studierende oder Hilfskräfte, sind deren Stunden in der Regel nicht oder nur zu einem eigenen, niedrigeren Satz abrechenbar. Klären Sie das vor dem Einsatz mit dem Jugendamt. Unabhängig davon verlangt § 72a SGB VIII für Beschäftigte in der Kinder- und Jugendhilfe die Einsicht in ein erweitertes Führungszeugnis. Für Schulbegleitungen gelten oft eigene Stundensätze mit anderen Qualifikationsanforderungen; was dort zu dokumentieren ist, beschreibt der Artikel Schulbegleitung: Bericht und Dokumentation.
Dokumentation als Nachweis der Fachleistungsstunde
Das Jugendamt bezahlt nur, was nachgewiesen ist. Der Nachweis besteht meist aus zwei Teilen: dem Leistungsnachweis mit Datum, Dauer und Art jedes Kontakts – häufig mit Unterschrift der Familie – und der fachlichen Verlaufsdokumentation, die zeigt, woran gearbeitet wurde. Die Verlaufsdokumentation bildet zugleich die Grundlage für den Entwicklungsbericht vor dem Hilfeplangespräch.
Erfassen Sie Dauer und Kontaktart direkt nach dem Termin, nicht am Monatsende aus dem Gedächtnis. In Ormisi schließen Fachkräfte den Termin auf dem Smartphone ab, auch ohne Netz; die Abrechnung ordnet jede Stunde der Kostenzusage zu, rechnet nach dem Regelwerk des jeweiligen Jugendamts und warnt, bevor das Kontingent überzogen ist.
- Datum, Beginn und Ende oder Dauer in Minuten
- Kontaktart: persönlich, telefonisch, Gespräch mit Dritten, Hilfeplangespräch
- Ort oder Setting, bei Bedarf Fahrzeit getrennt
- Beteiligte Personen, ohne Inhalte im Leistungsnachweis
- Ausgefallene Termine mit Grund, falls die Vereinbarung sie vergütet
Fachleistungsstunde, Betreuungsstunde, Pauschale, Tagessatz
Neben der Fachleistungsstunde gibt es weitere Vergütungsformen. Die Begriffe werden nicht überall gleich verwendet; maßgeblich ist immer die Definition in Ihrer Vereinbarung.
| Form | Einheit | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Fachleistungsstunde | Stunde Fachleistung inkl. eingepreister indirekter Zeiten | SPFH, Erziehungsbeistandschaft, ambulante ISE, ambulante Eingliederungshilfe |
| Betreuungs- oder Kontaktstunde | oft nur die direkte Zeit, teils gleichbedeutend mit FLS | regional unterschiedlich, z. B. Schulbegleitung oder Einzelfallhilfe |
| Monats- oder Modulpauschale | fester Betrag je Monat oder Modul, unabhängig von einzelnen Stunden | z. B. modulare Erziehungsbeistandschaft, Clearing |
| Tagessatz (Entgelt) | Belegungstag | Wohngruppe, Tagesgruppe, stationäre Eingliederungshilfe nach §§ 78a ff. |
Häufige Fragen
Wie lang ist eine Fachleistungsstunde?
Abgerechnet wird meist eine Zeitstunde mit 60 Minuten. Wie viele Minuten davon direkte Arbeit mit der Familie sein müssen, regelt die Vereinbarung: In Leipzig etwa umfasst eine Stunde mit dem Klienten 60 bis wenigstens 52 Minuten, die restlichen Minuten sind für Wege vorgesehen.
Sind Fahrtzeiten Teil der Fachleistungsstunde?
Das hängt vom Modell ab. Entweder sind Fahrtzeiten im Stundensatz eingepreist und werden nicht gesondert aufgeschrieben, oder sie zählen als indirekte Leistung, oft mit einer Obergrenze. Fahrtkosten werden je nach Vereinbarung über den Satz oder gesondert erstattet.
Wer legt den Preis einer Fachleistungsstunde fest?
Jugendamt und Träger vereinbaren ihn nach § 77 SGB VIII, häufig auf Grundlage einer Kalkulation des Trägers und landes- oder kommunalrechtlicher Vorgaben. Einen bundesweiten Einheitspreis gibt es nicht.
Zählen Telefonate als Fachleistungsstunde?
Manchmal. Einige Vereinbarungen lassen längere Telefonate mit der Familie zu – der Rhein-Sieg-Kreis etwa ab einer Dauer von über 10 Minuten, gerechnet ab der 11. Minute. Andere zählen Telefonate zu den eingepreisten indirekten Zeiten. Prüfen Sie Ihre Vereinbarung.
Darf ich mehr Stunden leisten, als bewilligt sind?
Abrechnen können Sie in der Regel nur das bewilligte Kontingent. Mehrstunden brauchen meist die vorherige Zustimmung des Jugendamts. Für akute Kinderschutzsituationen sehen manche Vereinbarungen Ausnahmen vor, wenn das Jugendamt unmittelbar danach informiert wird.
Quellen
Primärquellen, abgerufen zum Stand des Artikels. Keine Rechtsberatung.
- [1]§ 77 SGB VIII – Vereinbarungen über Kostenübernahme und Qualitätsentwicklung bei ambulanten Leistungen · Bundesministerium der Justiz
- [2]§ 78a SGB VIII – Anwendungsbereich · Bundesministerium der Justiz
- [3]Merkblatt zum Fachleistungsstundenmodell · Rhein-Sieg-Kreis, Kreisjugendamt
- [4]Divisor für ambulante Hilfen (Beschluss 01/2019) · Stadt Leipzig, Entgeltkommission
- [5]Anlagen zum Handlungsleitfaden Fachleistungsstunden (2024) · Landeshauptstadt Dresden, Jugendamt
- [6]Leitlinien für Entgeltvereinbarungen Fachleistungsstunden · Kreisverwaltung Alzey-Worms
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Ormisi rechnet jede Stunde nach dem Regelwerk des jeweiligen Jugendamts ab, bucht sie gegen das Kontingent der Kostenzusage und erzeugt den Leistungsnachweis.